Hader ist ein poetischer Gang durch Landschaften, die mehr sind als Natur – sie sind Archiv, Spiegel, Widerstand. Ich nutzte Naturbilder, um die Brüche unserer Gegenwart sichtbar zu machen. Wälder, Flüsse, Berge erscheinen hier als stille Zeugen von Arbeit, Erinnerung und ideologischer Überformung. In leiser Sprache und mit formaler Sorgfalt versuche ich, eine Lyrik zu entfalten, die große Erzählungen unterwandert – zugunsten des Suchens, Fragens, Wanderns und Haderns. So erklingt stiller Widerspruch gegen Pathos und Pose. Die Natur bleibt nicht Kulisse, sondern Mitwisserin.

 

 

 

Hader

Das Leuchten einer späten Schreibstube
in früher Neuzeit: Nackt hadern wir
Das Papier hängt aus zum Trocknen

Federleicht liegt der Drache auf
Zusammen kratzen wir letzte Lumpen
Wir kratzen: Ich bin Methode

Das Licht wandert als Zünglein
am Draht und wir flechten
voll Eifer: Weiter! Traut Euch weiter hinaus

Gott glänzt wider im mondweißen Katzenkopf
pflaster. Morgen bald: Schatten werden
größer. Noch bestimmen sie die Leben

 

 

 

 

Genosse Ferraninis Reise

Nach Guido Morselli Il comunista

 

Winter 58. Im Zug Rom Reggio Emilia
Genosse Ferranini reist

Die Bronzescheibe singt zum Dunst umbrischer Hügel
Das verlässliche Trommeln der Räder lullt die Reisenden ein

Es trachtet: Alle Achtung den Arbeitern
Und aus den Tälern gieren fragende Blicke zu Hunderten

Das Gift des Götzendienstes zersetzte das gesellige
Klappstuhlscharren der Gassen: Zu lang saß jeder für sich

Nun suchen sie den neuen Takt und greifen
zum Herzen: Welches Geschäft soll es treiben

 

In den Hinterzimmern tagte die Inquisition
Ferranini musste es dulden und stand

Arbeiter sind entfremdet sprach das Dogma
die Venenklappen der Partei

Entfremdung ist unser Feigenblatt sprach Ferranini
Die Wahrheit der Arbeit ist ehrliche Ermattung

Das Herz pumpte. Die Funktionäre gähnten. Alle
Achtung der Partei: Habt alle Achtung

Doch ich bin der Autor: Non ho rancori
Das Herz ist der geschäftigste Muskel

 

Das Trommeln dieser Räder nun
Genosse Ferranini ruht

Im Traum liegt er bei Nuccia: Charme der Nähe
Gemeinsam waren sie in der Oper

Sie haben sich gezeigt und die Kunst war
nicht zu nah bei den Bürgern zu stehen

Doch war nie genug Kunst: Durfte nicht sein
so blickte Lenin bitter und kalt

Ferranini wusste es besser: Tagt im Winter wahre Freunde
Tragt die Wärme der Wahrheit im Herzen

 

Jähes Kreischen zum Öffnen eines Fensters
Genosse Ferranini erschreckt

Männer in Overalls bevölkern das Abteil
Ihre Brust zeigt das Emblem der Kooperative

Es zeigt: Wir sind mit Dir sind eins
Doch kein Wort ist mehr zu verstehen beim Schlagen

eiserner Trommeln und wer liest noch die Bibel
Ferranini richtet sich im Sitz greift zum Schinken

Genosse Galilei: Ich stand ich stehe
Das Herz ist der geschäftigste Muskel

 

 

 

Auszug aus Hader:

 

 


 

 

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